Prof. Dr. Ralf B. Wehrspohn

Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS, Institutsleiter

Ab Oktober 2019: Vorstand Technologiemarketing und Geschäftsmodelle der Fraunhofer-Gesellschaft

Prof. Dr. Ralf B. Wehrspohn

Herr Prof. Wehrspohn, können Sie sich bitte kurz vorstellen und etwas zu den Forschungsschwerpunkten des Fraunhofer IMWS sagen?

Ich bin Ralf Wehrspohn, Physiker, und leite seit 2006 das Fraunhofer IMWS. Wir sind ein methodisch ausgerichtetes Fraunhofer-Institut und unterstützen unsere Auftraggeber mit anwendungsorientierter Materialforschung. Unsere besondere Expertise liegt in der Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen. Wir analysieren Materialien bis ins kleinste Detail, um beispielsweise Schwachstellen zu entdecken und zu verstehen, wie die Mikrostruktur mit den Eigenschaften von Werkstoffen zusammenhängt. Aufbauend auf diesem Wissen können wir Materialien verbessern, etwa indem wir Zuverlässigkeit und Lebensdauer steigern, neue Eigenschaften oder optimierte Herstellungsprozesse möglich machen. So helfen wir, Materialeffizienz und Wirtschaftlichkeit zu steigern und Ressourcen zu schonen. Unsere Kunden kommen beispielsweise aus dem Bereich der Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik, der Kunststofftechnik, der chemischen Industrie, der Photovoltaik, der Energietechnik, dem Automobilbau oder dem Flugzeugbau.

Welchen Stellenwert hat Ihre Forschungs- und Entwicklungsarbeit bzw. die Materialforschung am Standort Weinberg Campus allgemein im nationalen und internationalen Kontext?

Ich denke, dass die Materialforschung am Weinberg Campus eine wichtige Rolle spielt, nicht nur durch unsere Aktivitäten, sondern beispielsweise auch durch das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, mit dem wir eine gemeinsame Historie haben, oder Unternehmen wie SmartMembranes, eine Ausgründung des Fraunhofer IMWS. Das exzellente Know-how, das es in Halle in diesem Bereich gibt, ist international sehr anerkannt. Für unser Institut gilt das nicht nur für wissenschaftliche Netzwerke, Publikationen oder Einladungen zu Tagungen, sondern auch im Hinblick auf unsere Kunden. Mehr als ein Viertel unserer Wirtschaftserträge generieren wir durch Aufträge von Unternehmen außerhalb Deutschlands, die auf uns zukommen, weil sie die Kompetenzen hier vor Ort zu schätzen gelernt haben. Insgesamt würde ich mir dennoch wünschen, dass die Bedeutung der Materialforschung, insbesondere für den Industriestandort Deutschland, noch sichtbarer wird. 70 Prozent aller Produktinnovationen beruhen auf neuen Werkstoffen, auch für viele Unternehmen spielt Materialeffizienz, auch im unmittelbaren Vergleich beispielsweise zu den Energiekosten, eine überragende Rolle. Wir wollen daran mitwirken, dass dieser Stellenwert erkannt wird, einschließlich der Chancen, die sich hier durch innovative Lösungen für die Region Mitteldeutschland ergeben.

Welche Vorteile bietet heute die Arbeit am Weinberg Campus? Was schätzen Sie am Weinberg Campus?

Ich bin ja nicht erst als Institutsleiter nach Halle gekommen, sondern war schon zuvor von 1999 bis 2003 auf dem Weinberg Campus tätig, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut und Habilitand an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Was damals sofort sichtbar war, und mir heute noch mehr auffällt, ist die Offenheit für neue Technologien hier am Standort. Das zeigt sich auch in einem außergewöhnlichen Maß an Flexibilität bei Ansiedlungen neuer Forschungseinrichtungen und einer sehr guten Infrastruktur bei der Unterstützung von Startups. Diese Akzeptanz ist historisch gewachsen, parallel zu den Kompetenzen, und davon profitiert Halle heute noch. Für uns als Institut mit Fokus auf angewandte Materialforschung ist der Standort am Weinberg Campus ideal: Wir haben alle wichtigen Player in der deutschen Wissenschaftslandschaft direkt vor der Haustür, ebenso wie dynamische und forschungsstarke Unternehmen. Das bringt praktische Vorteile mit sich wie kurze Wege oder gemeinsam genutzte Geräte. Noch wichtiger ist in meinen Augen aber etwas anderes: der Spirit, der aus dieser hohen Konzentration an Forschungsbegeisterten erwächst, und den man hier am Campus überall spürt.

Was wünschen Sie sich aus Sicht der Forschung und aus ganz persönlicher Perspektive für den Weinberg Campus? Welche Visionen haben Sie, wie kann der Campus in 20 Jahren aussehen?

Für das Fraunhofer IMWS sehe ich drei Schwerpunkte: erstens die Digitalisierung der Werkstoffe, zweitens die Beschleunigung der Werkstoffentwicklung und drittens neue Lösungen für eine nachhaltige Rohstoffnutzung. Wir sind hierbei bereits in vielen Projekten aktiv, um beispielsweise digitale Zwillinge von Werkstoffen möglich zu machen, die über die gesamte Lebensdauer zur Verfügung stehen, neue Hochdurchsatzraten-Screeningmethoden zu entwickeln oder das Etablieren einer Kreislaufwirtschaft für Kohlenstoff zu unterstützen. Mit solchen Ansätzen kann Mitteldeutschland eine Modellregion für eine nachhaltige Industrie werden. Den Weinberg Campus sehe ich sowohl jetzt als auch in 20 Jahren als Motor dieser Entwicklung: Hier entstehen viele der Ideen, die später von Unternehmen in der Region umgesetzt werden können. Meine Vision wäre, dass sich diese Pionierrolle auch ganz unmittelbar vor Ort zeigt, beispielsweise mit autonomen Fahrzeugen, klimaneutraler Energieerzeugung und nicht zuletzt auch einer engen Verbindung in die nicht-wissenschaftliche Welt rund um den Campus. Wenn die Menschen in Halle und darüber hinaus wissen und verstehen, was die Forschung hier leistet und wie sie davon profitieren, ist das die beste Voraussetzung für eine weiterhin erfolgreiche Entwicklung der Stadt als Wissenschaftsstandort.

Fällt Ihnen eine Geschichte ein, die Sie mit dem Weinberg Campus verbinden?

Da muss ich an eine Anekdote denken, bei der man im Englischen wohl »Full Circle« sagen würde. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte am Standort unseres Instituts eine Kohlebahn vorbei. Mit Pferden, Maultieren und Eseln wurde ungefähr 60 Jahre lang Kohle auf freier Strecke und durch Tunnel aus der Nietlebener Braunkohlegrube zur Wilden Saale gebracht und dort auf Kähne verladen. Unweit von unserem heutigen Institutsgebäude war der Eingang zu einem dieser Tunnel. Diese Historie fiel mir wieder ein, als ich im Juni 2018 von der Bundesregierung in die Kommission »Wachstum, Strukturwandel, Beschäftigung« berufen wurde, in der wir Empfehlungen gegeben haben, wie die Ziele für den verminderten Ausstoß von Treibhausgasen und den Umbau des Energiesektors erreicht werden können und wie man den Strukturwandel in Bergbau-Revieren erfolgreich gestalten kann. Kohle und Salz haben die Region einst reich gemacht, jetzt wollen wir daran mitarbeiten, Mitteldeutschland als zukunftsfähige Industrieregion zu erhalten. Dafür werde ich mich auch in meiner neuen Funktion im Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft einsetzen und Halle sowie dem Weinberg Campus sehr eng verbunden bleiben.

Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS​

Walter-Hülse-Str. 1
06120 Halle (Saale)
Telefon +49 345 5589-100

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