Prof. Dr. Robert Paxton

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Biologie
Leiter der Abteilung Allgemeine Zoologie

Herr Professor Paxton, bitte stellen Sie sich vor und beschreiben Sie Ihre Forschungsarbeit an der Universität Halle als Leiter der AG Allgemeine Zoologie!

Sehr gern. Als Evolutionsökologe kam ich hierher mit einer Spezialisierung auf Bienen, angezogen durch die Expertise, die dazu bereits an der Martin-Luther-Universität existierte. Meine erste Liebe in der Wissenschaft war die Entwicklung des Forschungsgegenstandes der Vergesellschaftung, eine Schlüsselfrage in der Evolutionslehre, für die die Bienen ein ideales Modellsystem darstellen. Seitdem ich mit der Forschung an Bienen begonnen habe, bin ich mir der Wichtigkeit der Bestäubung für Umwelt und Wirtschaft bewusst.

Die zweite Forschungsrichtung ist daher die Bedeutung der Bestäubung für das Ökosystem. Bienen sind häufig von Parasiten befallen, was großen Einfluss auf den aktuell häufigen Verlust von ganzen Honigbienenkolonien hat. Und deshalb ist meine dritte Forschungsrichtung die Parasit-Wirt-Beziehung, insbesondere in Bezug auf Bienen und die Viren oder Milben, welche sie befallen können.

Was genau hat Sie am Standort Halle gereizt?

Der Grund, warum ich aus Großbritannien, über Gießen nach Halle kam, ist, dass es hier eine lange Geschichte der Bienenforschung gibt. Ich denke, sie reicht 70 bis 80 Jahre zurück, wenn nicht sogar noch länger. Ich wurde insbesondere von Robin Moritz, dem vermutlich führenden Fachmann auf dem Gebiet der Bienenpopulations-Genetik/Genomik (?) auf dieser Seite des Atlantiks, „angelockt“. Professor Moritz hatte bis 2018 den Lehrstuhl für Molekulare Ökologie an der MLU inne. So war die initiale Idee, hierher zu kommen, um mit ihm und seiner Forschungsgruppe zu arbeiten. Das funktionierte wunderbar.

Seit meiner Ankunft bin ich sehr beeindruckt von der Offenheit anderer Akademiker, meiner Kollegen, nicht nur in der Universität, sondern auch in den benachbarten Forschungsinstituten und im Gründerzentrum, zum Beispiel von Professor Paschke im Bio-Zentrum. Zu erwähnen ist auch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und die Kooperationsbereitschaft und Offenheit, mit der dort gearbeitet wird. Ich habe sehr interessante kooperative Forschungsprojekte hier in Halle durchgeführt, zum Beispiel im Rahmen des Kampfes gegen Bienenkrankheiten, die oft durch Viren bzw. Milben hervorgerufen werden.

Können Sie uns Beispiele für die Kooperationen mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen am Campus nennen?

Natürlich. Mit Professor Paschke und der BioSolutions GmbH verbindet mich zum Beispiel vor allem das Interesse an der Frage, welche Rolle die Bienendichte bei der Virenverbreitung und Prävention von Krankheiten spielt. Wir können klar zeigen, dass dort, wo viele Bienen sind – wie von epidemiologischen Modellen vorausgesagt – auch besonders viele Bienenkrankheiten auftreten. Diese Korrelation hatte eine Studie bereits vor einigen Jahren gezeigt.

Generell gibt es hier am Weinberg Campus zahlreiche interessante und hoch qualifizierte Akademiker in angrenzenden Fachgebieten, die offen für Diskussionen sind. Ich kann meine Probleme mit ihnen diskutieren und sie kommen zu mir, um die Probleme zu diskutieren, die sie haben. Das eröffnet Chancen, führt zu Kooperationen und kann helfen, signifikante Fortschritte auf dem jeweiligen Gebiet zu erzielen, die für ein einzelnes Institut in Ermangelung der kritischen Masse nicht möglich wären.

Ein zweites Beispiel ganz aktuell: Heute beim Mittagessen diskutierte ich mit meinem Kollegen Professor Sven-Erik Behrens vom Institut für Biochemie und Biotechnologie über eine frühere Kooperation mit Antonello Pantaleo?, einem Gastkollegen aus Bari, zur Möglichkeit der Nutzung von RNA-Interferenz (RNAi), sowohl um Schädlingsinsekten anzugreifen und zu zerstören als auch gleichzeitig nützliche Insekten wie Honigbienen zu unterstützen. Hier verbindet sich die Expertise von Professor Behrens zur Nutzung von RNAi und sein Wissen über Viren-RNA mit unserem Wissen zur Honigbienen-Ökologie und die Evolution von Viren-RNA, um ein weltweit dringliches ökologisches aber auch ökonomisches Problem zu lösen.

Apropos, wie schätzen Sie die ökonomischen Aspekte des Bienensterbens ein?

In Deutschland und weltweit, hängen rund 10 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion direkt oder indirekt von der Bestäubung – meist durch Bienen geleistet – ab. Das ist besonders für Sachsen-Anhalt bedeutungsvoll, da es hier viel Obstanbau gibt. Das hiesige Klima ist ideal für Äpfel, Birnen oder Kirschen. Solche Früchte sind abhängig von Bestäubung durch Insekten. Die Honigbienen tragen vermutlich um die 50 Prozent zur Bestäubung bei. Das heißt, dass rund 5 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion von Honigbienen abhängt. Ich denke, das ist nicht nur bedeutungsvoll für die lokale Wirtschaft, sondern ebenso für die nationale Wirtschaft.

Welchen Stellenwert hat Ihre Forschungsarbeit im nationalen und internationalen Kontext?

Honigbienen gibt es weltweit. Sie waren ursprünglich in Europa, Afrika und im Nahen Osten zu finden und sind nun – mit Ausnahme von Arktis und Antarktis – auf der ganzen Welt verbreitet. Die Probleme mit den Honigbienen, die wir nun haben, sind in großem Ausmaß von Menschen verursacht. Der Mensch ist verantwortlich für die Verbreitung der Parasiten, welche die Bienenpopulationen weltweit befallen. Es ist von hohem Interesse und verständlich, dass wir eine Lösung finden müssen, deshalb ist unsere Forschungsarbeit im globalen Kontext zu sehen.

Welche Rolle spielt in Ihrem Bereich das Thema Unternehmensgründung, haben Sie schon einmal ein solches Vorhaben begleitet?

Nein, ich selbst nicht. Aber ich bin mir durchaus der Bedeutung des Themas in der Universität und für die Stadt Halle (Saale) bewusst. Ich nehme täglich die beiden großen Gebäude (weist auf den Innovation Hub und das Bio-Zentrum) wahr und glaube, dass es eine exzellente Idee ist, mit verantwortlichem Unternehmertum eine alternative zur akademischen Laufbahn aufzuzeigen.

Ich persönlich sehe und fühle auch die soziale Verantwortung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Eine Sache ist es, im Sinne des Schutzes der Umwelt die Umweltbedingungen für Bienen zu verbessern, und eine andere, im Sinne der Wissenschaft konsequent nachhaltige Kontrolle auszuüben. Das ist es, was ich zurückgeben kann. Hinsichtlich von Unternehmensgründung bin ich selbst vermutlich nicht der richtige Ansprechpartner. Aber bestimmt im Sinne einer Kooperation mit unternehmerisch handelnden Menschen, wie zum Beispiel Professor Behrens oder Dr. Hennemann bei Verovaccines, die das Thema eines Impfstoffes für Honigbienen auf der Agenda haben.

Fällt Ihnen spontan eine Geschichte zum Campus ein, an die Sie sich gern erinnern?

Im Zusammenhang mit dieser Frage möchte ich noch einmal auf die Geschichte von heute Mittag zurückkommen – die Verbindung meiner Kollegen Antonello Pantaleo und Sven-Erik Behrens. Ich verbinde damit dieses generelle Gefühl von Offenheit und dem Willen zur Kommunikation, wie in einer gut funktionierenden Familie, die ich hier fand. Ich empfinde die Menschen hier, im Gegensatz zu anderen Stationen meiner Arbeit, als hilfsbereit und ermutigend. Das ist ähnlich wie an den großen Universitäten in den USA, wo ich ein Jahr an der Universität Cornell verbrachte. Statt dieses „Ähm“ und „Ja, ja, ja.“, hörte man eher: „Was für eine interessante Idee! Ich bin schon gespannt, wie du sie weiterentwickeln wirst!“ Das macht für mich das positive Gefühl aus.

Ich denke, die Amerikaner machen das sehr gut. Einiges davon ist sicher auch oberflächlich, aber in der akademischen Sphäre, zumindest in der Universität, ist das sehr ermutigend. Es heißt einfach: „Wir haben hier einen Startup-Fonds, hast du Interesse, dich dafür zu bewerben?“ „Oh ja, warum versuchst du nicht, noch Kontakt zu dieser oder jener Person aufzubauen?“

Etwas von diesem Geist findet man auch hier. Vielleicht ist es vor allem eine Besonderheit unserer Fakultät unter Leitung von Professor Dietrich Nies, dessen Ermutigung Kollegialität und Freundlichkeit erzeugt. „Ermutigung“ ist ein guter deutscher Begriff. Wir haben im Englischen kein passendes Äquivalent. Es geht um Ermutigung, nicht im Speziellen, sondern ganz grundsätzlich.

(Das Interview wurde im Juli 2021 geführt.)

Prof. Dr. Robert Paxton

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Biologie
Abteilung Allgemeine Zoologie
Hoher Weg 8
06100 Halle (Saale)

Telefon: +49 (0) 345 55 26 500
E-Mail: robert.paxton@zoologie.uni-halle.de

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